PROGRAMMIERTE STADTLANDSCHAFTEN

Städtebauliche Studie, Ausstellungen und Buch
Auftraggeber: Stadtplanungsamt Magdeburg,
Stiftung Bauhaus Dessau, Kulturstiftung des Bundes
2004

Shrink to Fit ist ein Forschungsprojekt, das von den vier Architekturbüros Behles & Jochimsen, Tobias Engelschall - Oda Pälmke, Jessen + Vollenweider und Kuehn Malvezzi initiiert wurde.

Das Projekt SHRINK to FIT Magdeburg ist ein Beitrag zu Schrumpfende Städte – Initiativprojekt der Kulturstiftung des Bundes in Kooperation mit der Galerie für zeitgenössische Kunst Leipzig, der Stiftung Bauhaus Dessau und der Zeitschrift archplus.

Team B&J: Boris Hassenstein, Judith Mampe, Julia Müller, Jan Schlecht, Thomas Stadler, Mattias Svensson

Geordneter Rückzug
Magdeburg schrumpft. Besonders deutlich wird dies im Süden, wo sich die Stadtteile Buckau, Fermersleben, Salbke und Westerhüsen zur 'Perlenkette' aufreihen: Die Ortskerne weisen besonders hohen Leerstand auf und verfallen; riesige Industrieareale liegen brach. Der derzeit bereits stattfindende Rückbau einzelner Gebäude gehorcht dem Diktat der Verhältnisse, führt aber zu einer weiteren Ausdünnung des ohnehin weitmaschigen urbanen Gewebes. Wir schlagen vor, durch einen geplanten und gestalteten flächigen Abriss die Lebensfähigkeit und Dichte der Reststadt zu erhalten und zu steigern.

Schrumpfung als Entwurf
Die Gestaltung des Rückbaus hat das Ziel, eine lebensfähige Ganzheit aus passenden Teilen zu bilden. Die Definition und Qualifikation dessen, was von der hypertrophen Stadthülse verbleiben soll, stellt eine neuartige Aufgabe für Architekten dar.

Substanzierung: Erfassung und Bewertung des Bestandes
Von den Teilnehmer der Sommerschule wurde in „kuratorischen Teams“ untersucht, welche Quartiere intakt und prägnant sind und welche einzelnen Monumente stadtbildprägend und erhaltenswert erscheinen. Dabei wurde ein Rückzug auf ungefähr ein Drittel der heute noch beanspruchten Flächen angenommen.

Stadtinseln und Monumente
Funktionierende Siedlungsinseln wie Dorfkerne, prägnante Gründerzeitquartiere, qualitätvolle Siedlungen aus den zwanziger Jahren und markante Wohnbauprojekte neueren Datums bleiben bestehen. Signifikante Industrieensembles werden ebenfalls erhalten. Diese urbanen Einheiten sollen freigelegt und instand gesetzt werden. Stadtbild prägende Bauten außerhalb der Siedlungsinseln werden als Einzelmonumente saniert und umgenutzt – vom Baumarkt in der Industriekathedrale bis zum Aussichtscafé auf dem Großsilo. Wo dies nicht möglich ist, werden sie als Ruinen erhalten.

Park-Stadt Magdeburg
Bereits heute kann die Stadt als Gruppierung voneinander durch Parks, Kleingartenanlagen, Industriebrachen und Verkehrsschneisen abgegrenzter Stadtteile gelesen werden. Zwischen den zukünftig auf ihre vitalen Kerne abgeschmolzenen Stadtvierteln droht der Zusammenhang abzureißen, das Dazwischen zum Trennenden zu werden. Wie können die verbliebenen Bebauungsinseln und Monumente in Beziehung gesetzt werden?

Architektur und Landschaft
Zu Beginn des 19. Jahrhunderts gelang es zwischen Berlin und Potsdam, durch die gezielte Implantation kleiner, aber thematisch aufgeladener Architekturen die Havellandschaft zu einem preußischen Arkadien umzuinterpretieren. In Umkehrung dieses Prinzips geht es uns darum, Stadtfragmente mit landschaftlichen Mitteln neu zu verorten und aufeinander zu beziehen.

Neue Landschaften
Wie sehen zeitgemäße Kulturlandschaften aus und wie werden sie genutzt? Nur wenige der frei werdenden Flächen werden in städtische Grünanlagen verwandelt werden können. Auf den ertragreichen Böden der Magdeburger Börde ist hingegen eine Rückkehr zu agrarischen Nutzungen ökonomisch plausibel. Das Spektrum reicht vom klassischen Ackerbau bis hin zur Aufforstung und Kultivierung nachwachsender Rohstoffe. Eine weitere Option ist die Flächenstilllegung und Renaturierung. Viele touristisch vermarktbare Freizeitnutzungen würden von der Anbindung an die Elbe profitieren. Daher sollten die Elbauen erweitert und bis an die Innenstadt herangeführt werden. Elbfernere Konversionsareale eignen sich zur Bespielung mit Themenparks, die Relikte der Industriearchitekturen atmosphärisch integrieren. Auch die Einführung „fremder“ Vegetationen, Klimata und Topografien ist dort denkbar. Solar- oder Windparks können zu charakteristischen Wahrzeichen der neuen Landschaften werden.

Sublime Schrumpfung: Das Schöne und das Erhabene
Viele der von den ökonomischen und gesellschaftlichen Veränderungen der letzten Jahre betroffenen Bürger nehmen den Prozess der Desurbanisation negativ wahr. Bei den Teilnehmern der Sommerschule hingegen trat neben ein anfängliches Erschrecken über das Ausmaß der Entvölkerung auch eine zunehmende Begeisterung für das Wilde, Großartige, Ungeheuere und Offene. Aufgrund ihrer größeren Distanz war ihnen eine Wahrnehmung des „schönen Schreckens“ (Edmund Burke) möglich – eine Perspektive, die auch zukünftige Generationen von Magdeburgern durch den zeitlichen Abstand werden einnehmen können. Bereits in der Romantik machen sich Maler wie Caspar David Friedrich dieses Phänomen zueigen und thematisieren das „Erhabene“(„The Sublime“). Auch zeitgenössische Fotografen zeigen uns Industrieareale, Verkehrslandschaften oder Abraumhalden in einer Weise, die es uns ermöglicht, diese Alltagsphänomene als neu, überwältigend und sogar als schön zu sehen. Diese zunächst elitäre Sicht der Künstler dringt, vermittelt z. B. über die Adaption in den Medien oder der Werbung, ins allgemeine Bewusstsein ein und verändert so die allgemeine Wahrnehmung des Dargestellten.

Stadt der Gegensätze: Stadt als Film
Die Gegensätze, die wir vorfinden, können nicht aufgelöst, aber sie können freigelegt und dargestellt werden. Durch den gestaltenden Eingriff wird eine neue ästhetische Wahrnehmung des Bekannten und eine Verarbeitung der bleibenden Konflikte ermöglicht. Eine Reise durch die geschrumpfte Stadt wird also einer filmischer Erfahrung nahe kommen – eine hart und übergangslos montierte Folge präziser und widersprüchlicher Stadt-Bilder, verbunden und vermittelt durch kontrastreiche landschaftliche Zwischenschnitte.

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